Zuerst eine kurze Einführung in ihre
Geschichte und ihr Umfeld.
Der Ursprung
der Banjara ist etwas unklar; manche Wissenschaftler führen sie auf die
dunkelhäutigen drawidischen Ureinwohner des Subkontinents zurück; wahrscheinlich stammen Sie aber aus
dem ehemaligen Rajputana, einem Gebiet, das in etwa dem heutigen Rajasthan,
Gujarat und dem Punjab entspricht. Dafür sprechen unter anderem ihre Sprache,
ihre Kleidung und ihre eigenen Ursprungsmythen.
Als Zentrum ihres Heimatlandes nennen sie das
Gebiet um Jodhpur und Jaisalmer.
Sie zogen im 17. Jahrhundert im Gefolge des
Moghulherrschers Aurangzep südlich in die Hochebene des Deccan. Im Laufe der
Zeit verbreiteten sie sich von dort über ganz Indien; heute finden wir sie in
allen 22 indischen Bundesstaaten, aber auch in Pakistan und im Iran.
Die Schätzungen über ihre Anzahl sind sehr
verschieden, sie schwanken je nach Quelle zwischen 3-20 Millionen.
In der Vergangenheit waren sie hauptsächlich
Karawanenführer, sie stellten große Züge aus Ochsen, aber auch Maultieren,
Pferden, Eseln und Kamelen zusammen; damit zogen Sie über den ganzen
Subkontinent und beförderten u.a. Salz und Getreide, sie überbrachten
Nachrichten und sammelten Informationen. Auch organisierten sie Nachschub
für Armeen oder gaben wichtigen Reisenden Geleitschutz. Zu dieser Zeit gab es
kaum Straßen und es war gefährlich Güter über weite Strecken zu befördern.
Sie hatten einen Ruf als ein furchtloses und
loyales Volk, das lieber starb als ihnen anvertrautes Gut oder Leben im Stich
zu lassen.
Urkundlich erwähnt wurden erstmals ihre
Verträge mit den Mogulherrschern im 17. Jahrhundert, später arbeiteten sie mit
den Engländern zusammen.
In ihrer eigenen Geschichtsschreibung erwähnen
sie allerdings schon Alexander den Großen als einen ihrer Auftraggeber.
Es gilt heute als erwiesen, daß die Banjara
die Vorfahren unserer europäischen Zigeuner sind; wahrscheinlich sind sie im
Windschatten des Heeres Alexanders westwärts gezogen.
Mit dem Auftauchen der Eisenbahn und dem
Ausbau eines modernen Straßennetzes verloren Sie mehr und mehr ihr
ursprüngliches Auskommen.
Heute findet man sie hauptsächlich als
Straßen- und Bauarbeiter, als Altwarenhändler und als wandernde
Landarbeiter.
Anderseits hat ein nicht geringer Teil von
Ihnen eine gute Ausbildung und bekleidet hohe Positionen. In den
Sechzigerjahren war ein Banjara Ministerpräsident von Maharashtra, in Bombay
findet man viele Rechtsanwälte und Regierungsbeamte, die zu ihnen gehören.
Für gewöhnlich beherrschen und benutzen sie
die Sprache oder den Dialekt des Landesteiles, in dem sie leben. Untereinander
jedoch verständigen sie sich in ihrer eigenen Sprache, die als Banjaraboli oder Lambadaboli bezeichnet wird. Sie ist mit dem Rajashtani, dem Hindi
aber auch mit der europäischen Romasprache verwandt. Diese Sprache wird, vor
allem im Süden Indiens, von Außenstehenden nicht verstanden.
Wenn Sie nicht in den Städten wohnen, wo sie
in der Anonymität der Massen nicht weiter auffallen, leben sie in sogenannten
tandas - Hütten, Zelten oder Wohnwägen am Rande der Siedlungen.
Ihre offizielle Religion ist der Hinduismus,
sie verehren Vishnu und Shiva, beim näheren hinsehen lassen sich jedoch sowohl
Elemente anderer orientalischer Religionen als auch solche aus
vorhinduistischer Zeit finden. Sie haben ihre eigenen Priester und Schamanen,
durch die sie mit ihren Vorfahren in Verbindung treten können und die für sie
Omen und Träume interpretieren. Auch Verehrung von Bäumen und Tieren, vor
allem des Ochsen, findet man.
Abschließend kann [EgM1]man
sagen, daß die Banjara ein wirksames System entwickelt haben um friedvoll mit Außenstehenden, von denen
sie ja finanziell abhängig sind, leben zu können, ohne jedoch ihre Identität
zu gefährden oder aufgeben zu müssen. Dies gelingt ihnen durch die Sprache,
durch ihre eigene Religion, durch ihre Kleidung und nicht zuletzt durch
traditionelle Tabus in bezug auf Heirat, Nahrung und Wohnplätze.
Bis heute gelingt es ihnen für ihre Umgebung
schwer durchschaubar zu bleiben; fragt man in Indien nach den typischen
Eigenschaften der Banjara verwundert es daher nicht so konträre Antworten wie
"harte Arbeiter, fleißig, selbstsicher und ehrenhaft" bis hin zu
"gefährlich, falsch und kriminell" zu bekommen.
Auch sind sie dafür bekannt, daß sie zwar
stolz sind auf ihre Textilien und die Stickereien, dafür aber um so
zurückhaltender mit Antworten auf direkte Fragen über ihr Leben, über die
Symbolik ihrer Textilien oder ihre Religion.
Wenn immer man Bilder von Banjara sieht oder
das Glück hat ihnen in Indien zu begegnen, fallen, vor allem bei den Frauen,
der reichhaltige Schmuck, die farbenfrohe, reichverzierte Kleidung und, bei
der älteren Generation, die Tätowierungen
auf.
Auf den Schmuck einzugehen würde hier zu weit
führen; dies ist ein eigenes Gebiet, das noch nicht sehr erforscht ist. Nur so
viel sei gesagt, daß er nicht nur
schmückende Funktion hat, sondern dem Eingeweihten sehr schnell nonverbale
Informationen gibt über den Status der Frau, ihre Herkunft und in welchem
Lebensabschnitt sie steht. Diese Funktion haben auch die Tätowierungen und die
Kleidung.
Die Frauen tragen fast immer einen weiten,
schwingenden Rock, der aus mehreren horizontalen Bändern zusammengesetzt ist (ghagra
), eine Bluse (choli ) und einen Kopfumhang (chantia ). Meist haben sie
eine oder mehrere Taschen bei sich. Zum Tragen von Gefäßen gibt es Kopfringe
mit einer quadratischen Tuchauflage und einem rechteckigen, über den Hinterkopf
reichenden bestickten Tuch. Darüber später noch mehr.
Muster und Stil der Stickereien unterscheiden
sich von Region zu Region.
Die Männer
tragen einen großen Turban, weiß oder farbig; je nach Landesgebiet
Hosen oder ein um die Hüften gewickeltes Tuch und ein weites Hemd. Bei Feierlichkeiten
kommt noch ein breiter gefütterter Gürtel dazu. Verallgemeinernd kann man
sagen, daß die Banjaramänner bei weitem nicht so reich geschmückt sind wie
ihre Frauen. Allerdings lieben sie es, Goldschmuck zu tragen.
Zusätzlich tragen sie eine Schnur um die
Hüfte, die mit Bleistückchen und Quasten verziert ist. Die Anordnung dieser
Teile gibt anderen Gruppenmitgliedern Auskunft über Abstammung, Herkunft und
Rang des Trägers.
Die Stickereien
Auf den ersten Blick lassen sich die Stickereien
in fünf Gruppen aufteilen.
1) Rechteckige und quadratische Tücher
2) Verschiedene Typen von Taschen
3) Gürtel und Bänder zum Verzieren und
Beschweren von Röcken, Kopf - und Schultertüchern.
4) Blusen
5) Textilien zum Schmücken der Tiere.
Die Übergänge zwischen den Gruppen sind
fließend. Da die Banjara ihre Textilien sehr schätzen, werden alte Stücke nicht
einfach weggeschmissen, sondern oft umgearbeitet und in einem anderen Kontext
verwendet.
Gefaltete und zusammengenähte Tücher ergeben
Taschen, eine aufgetrennte Tasche
ergibt ein Tuch, und ein alter Gürtel kann durchaus noch als Henkel einer Umhängetasche
dienen.
Wie gesagt bilden die Tücher eine Gruppe für
sich. Sie dienen, je nach Größe und Material als Sitzunterlagen, zum Abdecken
von Wasserkrügen und Speisen, zum Zudecken, als Utensil beim Tanz oder und
einfach als Zierstück.
Das wichtigste Zeremonialtextil ist eine
quadratische Stickerei von ungefähr 50 cm Seitenlänge. Es wird
"dhavalo" genannt und spielt eine Rolle beim Hochzeitsritual. Dieses
Stück wird später im "alltäglichen Leben" oft wiederverwendet; man
kann es auf verschiedene Arten zusammennähen und erhält so verschiedene Arten
von Taschen.
Der klassische Kopfschmuck bei der Hochzeit
besteht aus einem stoffumwickelten Ring aus Pflanzenfasern von circa 10 cm
Durchmesser. Darauf liegt ein reichbesticktes quadratisches Stück (phulia).
Am Hinterkopf hängt ein besticktes rechteckiges Textil, Gala genannt, das an
drei Seiten mit Kauris umsäumt ist.
Auf dieser Kopfbedeckung trägt die Braut einen
Wasserkrug.
Abbildungen verschiedener galas dokumentieren
die Geschicklichkeit der Banjarafrauen sehr schön.
Trotz vorgegebenem Format und Funktion
verstehen sie es, diese Form mit all ihrem Können und ihrer Kreativität zu
füllen.
Nur am Rande erwähnt sei, daß sich die Muster
mit einiger Erfahrung auch regional einordnen lassen.
Oft sind die Stücke mit Kauris umsäumt - die
Kaurischnecke gilt in Indien als Symbol des Weiblichen.
Es verwundert nicht bei einer nomadisierenden
Gruppe eine Vielzahl von Säcken, Taschen und Täschchen zu finden - muß doch
beim Aufbruch alles seinen Platz finden. Auch fällt es so leichter unterwegs
bestimmte Dinge zu finden.
Sehr schön sind die Brottaschen, die Kalchis. Ein schön besticktes quadratisches
Textil von 50-70 cm Seitenlänge wird wie ein Briefumschlag an 3 Ecken zusammengenäht,
die vierte Ecke wird mit einer Verschlußkordel versehen und dient als Deckel.
Hier werden die Brotfladen, die chapatis, aufbewahrt.
Wir finden kübelförmige, aus vier rechteckigen
Stücken und einem Quadrat als Bodenstück zusammengenähte Frauentaschen, ein reichbesticktes Band dient zum Umhängen. Die
Teile sind mit einer dicken sichtbaren Ziernaht verbunden. Im Inneren sind
sie oft in vier Fächer unterteilt.
Eine gebräuchliche Opfergabe im Tempel oder am
Hausaltar ist die Kokosnuß. Sie wird in einer speziellen Tasche, jumar genannt, getragen. Hier wird ein
quadratisches Tuch von circa 30 cm Seitenlänge, das mit konzentrischen
Mustern bestickt ist, an den Seiten jeweils zur Hälfte mit einer dicken
Ziernaht aneinandergenäht; an den vier Ecken dient eine Schnur zum Schließen.
Sehr schön ist die Gewürztasche, die der Bräutigam der Braut gibt. Sie bringt darin
Gewürze vom Haus der Eltern zu ihrem neuen Heim.
Der Bräutigam bekommt von der Braut eine Tasche zum Aufbewahren der Betelnüsse (chenchi). Die eigentliche
Tasche ist hier relativ klein, die Deckelpartie ist aber bis 50 cm lang..
Dieser Typ wird nach Benutzung zusammengerollt und mit einer Schnur verschlossen.
Eine kleine rechteckige Tasche dient als eine
Art Kosmetikbeutel zur Aufbewahrung
von Kamm und den dünnen Zweigen des Neembaumes, die in Indien zur Zahnpflege
benutzt werden.
Verschiedene kleine Täschchen, dienen als
Geldbeutel oder zum Aufbewahren von Kleinigkeiten. Auch finden wir bei den
Männern einen schlauchförmigen Gürtel, der als Geldgürtel dient.
Einfache unifarbene gequiltete Taschen dienen allen Banjaragruppen zum Aufbewahren
von Utensilien wie Werkzeug, Nähzeug, Knöpfen etc.
Die Männer schmücken sich mit schönbestickten
Gürteln (10-20cm x 70-85cm) oder
Schärpen. Ähnliche Stücke werden von den Frauen an ihren Kopftüchern befestigt,
und zwar über der Stirn.
Als Abschluß der weiten schwingenden Röcke
dient immer eine bestickte Borte. Auch sind die Röcke aus mehreren horizontalen Bändern zusammengesetzt, die zum Teil
bestickt sind. Oben wird der Stoff fein gerafft und an einen bestickten Gürtel
angenäht.
Die Frauen tragen bestickte Blusen, Cholis
oder Kachali, ein kleines Kleidungsstück, das den Rücken und den Nabel frei
läßt. Winzige bestickte Tuchstücke an den Schultern zeigen dem Eingeweihten,
ob die Frau verheiratet, ledig oder verwitwet ist.
Auch die Haustiere werden geschmückt. Das
verwundert nicht, da die Banjara ja in ihrer alten Rolle als Karawanenführern
von deren Gesundheit und Wohlergehen abhängig waren. Wir finden Rückendecken,
Hornüberzüge und Stirnschmuck.
Der größte Teil der Textilien ist mit Spiegeln
und Kaurischnecken verziert, an den Ecken finden sich oft Quasten aus
Schnecken, Metall und Tierhaar.
Bei ihren vielfältigen Stickereien verwenden
die Banjara als Stickgrund fast immer alte Textilien, die, je nach
Verwendungszweck, gequiltet oder einfach bestickt werden. Man findet auf der
Rückseite dieser Stücke manchmal sehr schöne alte Blockdrucke aus Rajasthan.
Deren Muster können auch bei der Datierung der Stücke helfen.
Als Stickfaden werden entweder gekaufte bzw.
eingetauschte Fäden benutzt, oder es wird auch hier recycled, indem sie Fäden
aus alten Textilien ziehen.
Der Untergrund ist immer aus Baumwolle, meist
noch handgewoben - ich habe bis jetzt nur 3 Stücke gesehen, die auf Seide
gestickt sind. Als Faden dient meist auch Baumwolle, allerdings findet man hier
auch Wolle, manchmal noch mit Grannenhaaren vermischt; vor allem bei älteren
Stücken Seide, eine Art Bast und eine seidenähnliche Faser, die aus den
Samenfäden eines Baumes gewonnen wird.
Wir wollen uns hier nur mit den älteren
Stücken beschäftigen, die noch mit Pflanzenfarben eingefärbt wurden. Die
verschiedenen Rezepte würden ein ganzes Buch füllen; zusammengefaßt läßt sich
sagen, daß Blau mit Indigo eingefärbt wurde, Rot mit Krapp und Alaun. Gelb mit
Gelbwurz oder mit den Blättern des Myrobalanbaumes und Grün durch Überfärben
von Blau mit Gelb.
Die meisten alten Stücke sind ausschließlich
mit Pflanzenfarben gefärbt, allerdings tauchten die ersten synthetischen Farben
in Indien um 1890 auf und wurden gleich sehr geschätzt. So finden sich auch
schon bei den älteren Stücken viele Mischtypen.
Den
Frauen steht ein reiches Repertoire
an Stichen zur Verfügung. Eine Analyse des Völkerkundemuseums Basel an
40 Stücken ergab 35 verschiedene Stiche, von denen einige nur bei den Banjara
vorkommen.
Die meisten Stickereien werden von der
Rückseite her gearbeitet, d.h. in den meisten Fällen über abgezählte Fäden
gestickt.
Pupul Jayakar zitiert 1972 eine Banjarafrau
wie folgt:
"Wir
handhaben die Fadenstränge wie Blumen und arbeiten das Muster auf der Rückseite
des Stoffes. Nur Uneingeweihte zeichnen das Muster mit Kreide vor und arbeiten
auf der Vorderseite. Wir sticken in vertikaler Richtung von unten nach oben,
als würden wir von der Erde zum Himmel
schreiten. Alle Pflanzen, Tiere und Menschen müssen die Lebensleiter auf
diese Weise hinaufklettern. Daher
spiegelt sich in unsere Arbeit das Universum wieder."
Um nur ein paar der Stiche aufzuzählen, wir
finden unter anderem den Vorstich zum Aufnähen von Applikationen und zum
Quilten von mehreren Lagen; Webstich, Hexenstich, Federstich, Kettenstich und
Kreuzstich als musterbildende Stiche und den Rosetten-Kreuznahtstich mit
mehreren Variationen zum Befestigen der quadratischen, runden oder auch
tropfenförmigen Spiegelchen.
Man kann die Textilien in verschiedene Gruppen
aufteilen; erst möchte ich aber die Gemeinsamkeiten hervorheben.
Von wenigen Ausnahmen abgesehen finden wir
fast nur geometrische Motive wie Dreieck, Quadrat, Rechteck, Raute oder den
Kreis. Diese Grundformen werden dann weiter aufgeteilt - der Kreis zum
Beispiel, falls er nicht durch einen Spiegel gebildet wird, kann auch als
Spirale oder sternförmig auftauchen, das Quadrat wird vertikal, horizontal
oder diagonal unterteilt.
Oft bilden applizierte bestickte andersfarbige
Stoffstreifen den Randabschluß.
Einzelne Musterelemente werden manchmal von
einer applizierten Baumwollbordüre aus kleinen Dreiecken umrahmt.
Zu guter letzt möchte ich die Kaurischnecken, Quasten aus verschiedenen Materialien
und Metallteilchen aus gegossenem Blei erwähnen, die fast jedes Textil mehr
oder weniger reichlich verzieren.
Nach dem Durchsehen vieler Banjaratextilien
konnte ich folgende grobe Systematik der Stile und Techniken aufstellen.
Auf den ersten Blick lassen sich die Stücke in
zwei Hauptgruppen aufteilen:
Erstens
die flächendeckenden Stickereien, das heißt, der Stickgrund ist nicht mehr
sichtbar.
Zweitens
die Stickereien, bei denen der Untergrund sichtbar bleibt und oft auch zur Musterbildung beiträgt.
Die erste Gruppe läßt sich nun noch mal
differenzieren.
a) Flächendeckende Stickereien mit mehreren
Stichen und Grundmotiven in freier Musteranordnung.
b) Flächendeckende Stickereien mit einem
Hauptmotiv und einem Hauptstich.
Typ a) finden wir hauptsächlich in Karnataka.
Zu Beginn werden zwei oder auch mehrere Stofflagen mit Vorstichen
zusammengenäht. Die Innenfläche wird meist von einer Bordüre aus schmalen
parallelen Streifen in verschiedenen Farben umrahmt. Das Innenfeld wird in
aneinandergrenzende Felder unterschiedlicher Größe eingeteilt; diese werden in verschiedenen Farben ausgestickt.
Eine häufige Grundform ist das Quadrat. Dieses
wird gerne in acht Dreiecke aufgeteilt, man findet aber auch die Unterteilung
in vier kleinere Quadrate. Kombiniert
wird dies mit Kreisen, Spiralen oder sich kreuzenden Streifen aus mehrfarbigen
Linien.
Manchmal werden Spiegelchen eingesetzt um
markante Punkte des Textils zu betonen. Kaurischnecken dienen zur Verzierung
der Außenkanten, seltener findet man sie auf der Innenfläche in Reihen oder in
Vierergruppen appliziert.
Die vorherrschenden Farben sind verschiedene
Rot- und Gelbtöne, daneben auch Orange, Grün und Aubergine.
Gemeinsam ist allen Textilien dieser Gruppe,
daß der Stickgrund nicht mehr sichtbar ist.
Keine Regel ohne Ausnahme. Es gibt eine
Variation, bei der das Textil in vier Quadrate unterteilt ist. Wieder finden
wir als Umrandung 2-4 Streifen, die Innenfläche der Quadrate ist aber nur mit
einem Quiltstich bestickt, in den zusätzliche Musterfäden eingezogen wurden.
Hier dient der Untergrund als farbgebendes Element; das Stück ist eine
Mischform mit dem später erwähnten Typ d).
Typ b), flächendeckende Stickereien mit einem
Hauptstich und einem Hauptmotiv, kommt vorwiegend im Norden Maharashtras im
Kandesh-Gebiet und in Andhra Pradesh vor.
Diese Stücke haben eine ruhigere Ausstrahlung.
Die Bordüre ist schmal im Vergleich zum Mittelfeld; dieses ist in kleine geometrische
Muster aufgeteilt, die sich wiederholen. Meist finden wir Raute, Dreiecke,
manchmal auch kleine Quadrate. Die vorherrschenden Stiche sind der gerade
Stich, der schräge Stich und der Kreuzstich, wobei der erstere versetzt
gearbeitet ist.. Den Kreuzstich findet man meist in Randbordüren oder
Trennstreifen.
Es werden keine Spiegel verwendet.
Der indische Namen dieses Stils ist
"Kashida", Außenseiter sprechen auch von "diamondwork".
In dieser Untergruppe besteht der Stickgrund
fast immer aus einer einzelnen Stofflage.
Auch die zweite Gruppe - zur Erinnerung: hier
bleibt der Untergrund sichtbar - läßt sich noch einmal unterteilen.
c) Stickereien auf einfacher Stofflage, bei
denen der Untergrund sichtbar bleibt, oft patchworkartig zusammengesetzt.
d) Quiltartige Stickereien mit sichtbarem
Stoffgrund.
Gruppe c), bei denen der Untergrund sichtbar
bleibt und oft am Muster mitwirkt, kommt fast nur in Madhya Pradesh vor. Hier
wird ein quadratisches Zeremonialtuch von 45-50cm Seitenlänge hergestellt.
Ein inneres Quadrat wird von einer circa 10 cm breiten Bordüre umrahmt. Oft
ist das Grundgewebe nicht aus einem Stück, sondern patchworkartig zusammengesetzt.
Als Stiche tauchen fast nur gerader und
schräger Stich, wie auch der Webstich auf. Allen Stücken dieser Gruppe ist
gemeinsam, das die Farbe des Grundgewebes sichtbar bleibt und musterbildend
wirkt. Wiederum tauchen keine Spiegel auf, fast immer sind die Kanten mit
Kauris umsäumt.
Oft erinnern diese Stücke durch ihre
geometrische Anordnung an ein Mandala.
Interessant ist es, daß es einen Mischtyp
zwischen b) und c) gibt; hier ist das Mittelfeld flächendeckend im
Kashida-Stil gearbeitet, während die mit großen Zackenmotiven bestickte Bordüre
die Farbe des Gewebes als Element mit einbezieht. Diese Stücke kommen meistens
aus Maharashtra.
Fast immer sind einzelne Musterelemente
umrahmt von einer applizierten Bordüre aus winzigen Dreiecken.
Die Banjara nennen diesen Typ
"dhavalo", er wird von ihnen hoch geschätzt und spielt unter anderem
als Bedeckung für ein Wassergefäß oder als rituelle Tischbedeckung eine
wichtige Rolle im Hochzeitsritual.
Auch wenn es abgenutzt ist, wird ein solches
Stück nie verworfen. Statt dessen wird es auf verschiedene Arten gefaltet und
zusammengenäht und bildet nun diverse Taschen und Täschchen.
Nun zur letzten Gruppe, den einfachen
quiltartigen Stickereien mit sichtbarem Untergrund. Hier finden wir Taschen, Säcke und Decken. Mehrere Lagen Stoff
werden mit regelmäßigen Reihen von nebeneinanderliegenden oder versetzten Vorstichen
fixiert. In verschiedenen Farben werden in die Vorstiche Musterfäden eingezogen
oder eingehängt. Auf diese Art und Weise können ohne allzu großen Arbeitsaufwand
beliebig große geometrische Muster gebildet werden.
Meist sind die Vorstichfäden gesmokt, das
heißt etwas zusammengezogen, so ergibt sich eine leicht gewellte
Oberflächenstruktur.
Taschen dieser Art findet man bei allen
Banjaragruppen in ganz Indien, manchmal kann man sie aber auf Grund kleiner
Variationen der Stiche bestimmten Regionen zuordnen.
Im Gegensatz zu den Blumen und Tiermotiven
fast aller anderen indischen Stickereien bevorzugen die Banjara geometrische
Motive. Manchmal findet man zwar Tierdarstellungen oder Abbildungen von
Tempeln oder Personen, aber auch diese sind sehr geometrisch und auf das
notwendigste reduziert.
Wie in ganz Indien taucht die Swastika als
Symbol für Fruchtbarkeit und Ehe auf.
Typisch für alle Banjara ist das
Quincunxmotiv, eine Anordnung von fünf Quadraten in der Stellung der Fünf
eines Würfels. Dabei haben die äußeren vier Quadrate immer die gleiche Größe,
das innere kann bedeutend Größer sein. Dieses Motiv taucht in vielen
Variationen auf, oft zeigt es sich auch schon in der Aufteilung des ganzen
Textils.
In der Literatur wird dieses Muster als Symbol
für die Ordnung des Universum bezeichnet; mein Informant in Indien sagte
mir, es entspricht dem Grundriß eines vishnuitischen Hausaltars, dem Tulsi
Mandir.
Wo immer dieses Motiv in einem indischen
Textil auftaucht, kann man davon ausgehen, daß es von Banjara hergestellt
wurde.
Früher haben die Muster sicher eine bestimmte
Bedeutung gehabt und übermittelten dem Eingeweihten eine Botschaft; im Laufe
der Zeit gingen diese Inhalte aber verloren.
Frau
Jayakar zitiert dazu eine Banjarafrau:
"Jede Kreatur hat ihr eigenes
Zeichen; unsere Vorfahren kannten deren volle Bedeutung, wir nicht, sticken
sie aber weiterhin auf unsere Gewebe."
Heute sind die Muster daher auch für die
Banjara nur noch schmückende Elemente.
Abschließen möchte ich mit einer Anekdote, die
zeigt, wie stolz die Banjara auch heute noch auf ihre Stickkunst sind."
Vor einiger
Zeit versuchte ein europäischer Missionar eine Gruppe von Banjara in Dörfern
anzusiedeln und die Mädchen in die Schule zu schicken. Die Antwort der Banjara
war: Unsere Mädchen brauchen weder Lesen noch Schreiben. Was könnt ihr ihnen
sonst beibringen, damit sie gute Ehefrauen werden?
Wir geben ihnen Unterricht im Sticken,
antwortete der Missionar- der Stickunterricht der Missionsschulen hatte in
Indien nämlich einen guten Ruf.
Die Banjara verlangten ein paar
gestickte Muster zu sehen.
Nach eingehender Prüfung wiesen sie das Angebot aber verächtlich
zurück mit der Bemerkung: Mit so einer unbeholfenen Arbeit kann ein
Banjaramädchen kaum damit rechnen, jemals einen Mann zu finden.
Abenden, Mai 1998
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